Eine Möhre, ein Ei und eine Kaffeebohne

Diese Geschichte hat Nermina aus dem Bosnischen übersetzt; nicht nur für Kaffeetrinker…

Eine Tochter klagte ihrem Vater ihr Leid und beschwerte sich, dass ihr Leben so schwer, so anstrengendend sei und sie keine Kraft mehr habe.
Ihr Vater, ein Koch von Beruf, führte sie in die Küche. Er nahm drei Töpfe, füllte sie mit Wasser und stellte sie auf den Herd. Als das Wasser anfing zu kochen, nahm er jeweils eine Möhre, ein Ei und ein paar Kaffeebohnen, gab sie in die Töpfe und liess sie eine Weile kochen.
Die erstaunte Tochter fragte neugierig, was das denn solle. Woraufhin der Vater die Töpfe vom Herd nahm und ihr erstmal die Möhre, das Ei und die Kaffeebohnen zeigte und sagte: Schau mal.. Die Tochter fühlte, dass die Möhre inzwischen weich, leicht zerbrechlich, das Ei hingegen hart war, während die Kaffeebohnen wunderbar rochen.
Was soll das bedeuten? fragte sie. Mein Kind, sagte der Vater, diese Möhre, dieses Ei und diese Kaffeebohnen haben alle das gleiche durchgemacht, schau: Die Möhre war anfangs stark und hart, doch das kochende Wasser machte sie weich, spröde. Das Ei war durch die Schale anfangs geschützt, doch der weiche Kern wurde hart. Die Kaffeebohnen jedoch haben dem Wasser getrotzt und es sogar verändert, sieh genau hin. und jetzt frage ich Dich, wie willst Du sein? Wie die Möhre, die auf den ersten Blick stark wirkt, doch sobald ein erstes Hindernis kommt ihre Kraft verliert? Wie das Ei, geschützt von der Schale, die sich äüßerlich nicht ändert, doch mit einem harten Herzen? Oder bist Du wie diese Kaffeebohne, die es schafft das kochende Wasser zu ändern, sogar zu verbessern, indem sie ihm Geschmack und Duft gibt?

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Musik erzählt Geschichten

Während ich noch überlegte welche Geschichte aus Italien ich posten könnte, bin ich heute über Musik gestolpert, Musik aus Italien, Jazz mit einer sehr mediteranen Note mit sardischen Enflüssen. Einfach mal reinhören.

Mitschnitt eines Konzerts in Pommier. Es singen und spielen
A Filetta, Paolo Fresu und Daniele di Bonaventura.
Mistico Mediterraneo

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Über diesen Blog

Mit jeder Sprache, die du lernst, befreist du einen in dir gebundenen Geist. So oder so ähnlich soll es Konfuzius gesagt haben.

Mich faszinieren Sprachen, die unterschiedlichen Möglichkeiten Gefühle und Gedanken auszudrücken. Meine bisherigen Lieblingssprachen sind Japanisch und Italienisch. Ich werde versuchen etwas von den Gedanken und Gefühlen in meine Muttersprache zu tragen. Deshalb habe ich mit diesem Blog angefangen. Und dann kamen noch Nermina und Shamim dazu. Nermina hat einen tollen Fundus an bosnischen Geschichten zu erzählen. Shamim beschreibt sein Leben in Karachi, er tut dies hier auf Deutsch. Seine Sprache ist Urdu und er übersetzt Literatur vom Deutschen in Urdu. Vielleicht kommt ja bei uns noch mehr hinzu. Ich bin gespannt.

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„Er wollte leben “ von Shamim Manzar

Wie er hieß, habe ich nie erfahren können. Aber es war klar, dass er nicht aus dieser Stadt war. Das merkte ich an seiner Sprache. Er konnte zwar Urdu, aber er sprach mit Akzent. Vielleicht war er 18 oder 19 und trug verschmutzte Kleidung und Pantoffeln, die er bestimmt von jemanden bekommen hatte, der sie selber nicht mehr brauchen wollte. Auf dem Weg nach Hause sah ich ihn, fast jeden Tag vor einem Möbelgeschäft mit einem kaputten Korb, in dem verfaulte Äpfel lagen. „ Äpfel, billige Äpfel“ rief er die ganze Zeit, um vorbei gehende Passanten zu locken.

Nach Feierabend gehe ich immer ein Stück zu Fuß bis zur Bushaltestelle und dann fahre ich weiter mit dem Bus nach Hause. Ich fand ihn immer an der gleichen Stelle mit seinem Korb stehend und die Vorbeigehenden ansprechend. Der Ladenbesitzer, dem es um seinen Möbelladen geht, braucht genug Platz für die Autos der Käufer. Ihm war es peinlich den Jungen immer wieder vor seinem Laden zu sehen.

Er sah gut aus. Seine Augen waren schwarz-braun. Ich spürte, dass sie schwiegen, seine Augen, die laut und deutlich etwas sagen wollten, konnten es aber nicht. Ich dachte, in seinen Augen gäbe es ein Meer, das jeder Zeit ausgegossen wird. Und dann? Eines Tages, auf dem Weg nach Hause ging ich zu ihm. Ich war neugierig, wollte ihn kennen lernen. Also ich stellte mich neben ihn und schaute die Äpfel an. Die waren nicht frisch.

„Was kosten die Äpfel?“ Auf meine Frage reagierte er mechanisch.
„25 Rupien das Kilo“. „Teuer“ sagte ich. Er schwieg.

„Woher kommst du?“ Er guckte mich skeptisch an und beantwortete meine Frage leise.

„Aus Azad Kaschmir“. Azad Kaschmir ist der Teil des in Pakistan liegenden Kaschmir.

„Bist du alleine hier“?
„Nein, mein Onkel lebt auch in Karachi“.

Ich merkte schon, dass er noch nicht lange in Karachi war. Sein Urdu war fehlerhaft. Ich wollte ihn mit meinen Fragen nicht weiter quälen und ging zur Bushaltestelle. Dort stieg ich in den Bus ein und fuhr weiter nach Hause.
Während der Fahrt saß ich neben einem Herrn, der ziemlich korpulent war und sich mit dem Tagesblatt beschäftigte. Auf dem Schoß lag eine durchsichtige Plastiktüte voll mit Äpfeln. In dem Augenblick fing ich an, wieder an diesen Jungen zu denken, der seine Familie in Azad Kaschmir verlassen hatte, um ein besseres Leben in Karachi zu finden.

Der Bus war ganz voll. Viele Fahrgäste standen und fluchten, das System in diesem Land funktioniere nicht. „Alle sind korrupt“, sagte einer ganz leise. „Die Verkehrsampel funktioniert nicht“ sagte der andere wieder ganz laut. Ich hörte die Kommentare. Sie hatten Recht. Um diese Zeit herrschte immer ein Chaos. Während die anderen Fahrgäste das System kritisierten, dachte ich an diesen Jungen und nahm mir vor, ihn am nächsten Tag nochmal anzusprechen.

Als ich wieder zu Hause war, ging es mir besser. Meine Frau machte mir einen Tee und die Kinder saßen um mich herum. Am Abend zu Hause sein ist für mich als hätte ich den Tag noch mal überlebt. Die Kinder waren froh. Meine Frau ebenfalls. Aber ich war nicht anwesend. Im Gedanken versunken wollte ich „Existenz“ definieren. Was ist das, die Existenz? Co-Existenz? Kämpfen? Oder ist Existenz nur an sich selbst denken? Ist Existenz alles akzeptieren, wie es ist? Meine Augen wurden müde.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf. In der Nacht wurde ich auch zwischen durch wach und suchte im Dunkel das Licht der Hoffnung. Ich fühlte mich nicht wohl. Wegen des unruhigen Schlafs war ich immer noch müde. Aber ich musste zur Arbeit.

Im Büro war es wie üblich. Erst Email checken. Wichtige Emails beantworten und einige weiterleiten und neue schreiben. Ich wollte mich mit der Arbeit beschäftigen und wartete auf den Abend. Mein Vorgesetzter wollte mich ansprechen und statt mich anzurufen kam er selbst in mein Büro.

„Wie geht es Ihnen?“, fragte er mich freundlich.

„Danke, gut“, antwortete ich leise. Dann überreichte er mir ein paar Emails mit der Bitte, sie zu beantworten. Es ging um neue Aufträge, die wir schon vor zwei Monaten bekommen hatten und nächsten Monat damit anfangen mussten. Ich hatte das Gefühl, die Zeit verginge nicht. Der Tag wäre lang und der Abend würde vielleicht lange auf sich warten lassen. Ich beschäftigte mich wieder mit meiner Arbeit und dachte ans Treffen mit dem jungen Kaschmiri, den ich immer auf dem Weg nach Hause sah.

Während der Mittagspause saß ich allein in der Kantine. Körperlich war ich anwesend. Ob ich mich wirklich in der Kantine befand? Seelisch bestimmt nicht. Als Kind las ich immer, ein Mensch solle nicht nur für sich leben sondern auch für die anderen. Mit dem erwachsen sein wurde mir klar, ein Mensch lebt für sich selbst. Je ärmer du bist umso egoistischer bist du eingestellt. Leben auf dieser Welt nur Arme? Ich weiß nicht, warum gerade jetzt, nachdem ich diesen Jungen gesehen und kurz mit ihm gesprochen habe, meine Vorstellung so auf Existenz konzentriert ist. Die Armen kämpfen und die Reichen kämpfen auch. Jeder hat Recht. Es geht hauptsächlich um ICH. Der Nachmittag verlief ruhig. Ich schrieb Emails, rief Kunden an und wollte selbst ruhig bleiben und mich auf die Arbeit konzentrieren.

Kurz vor dem Feierabend hörten wir eine Explosion. Alle Mitarbeiter gingen aus dem Büro hinaus und fragten sich gegenseitig, wo die Bombe hoch gegangen war. Von unserem Dienstfahrer erfuhren wir, dass die Bombe in einem Auto montiert wurde, das vor dem Möbelladen geparkt war, vor dem auch der junge Kaschmiri Äpfel verkaufte. Wir hörten die Sirene von der Ferne. An dem Abend war die Straße, in der die Bombe hochgegangen war, gesperrt. Ich musste einen anderen Weg nehmen. Ich wusste nicht genau, ob der junge Kaschmiri auch dort gewesen war. Irgendwie ging es mir nicht so gut. Die Luft war verschmutzt. Die Menschen waren ängstlich und die Straßen waren leer. Da war niemand zu sehen außer den Polizisten, die ihrer Existenz willen ihre Dienste leisteten.

Am nächsten Morgen erfuhr ich durch die Zeitung: 10 Leute sind ums Leben gekommen. Das Foto von dem jungen Kaschmiri war auch dabei. Er verließ seine Eltern, weil er existieren wollte.

Ich spüre die Leere. Nur die Leere, die stets so bleiben wird.

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„Der Alte und ich“ von Shamim Manzar

Alladin ist mein Stammcafé. Jeden Abend auf dem Weg nach Hause gehe ich rein und verbringe einige Zeit dort. Während ich Zeitung lese, wird der Tee schon serviert. Der Kellner, der mir Tee serviert, ist ziemlich jung. Ich schätze so 16 oder 17 Jahre alt. An dem Tag, als mir der Alte begegnete, ging es mir nicht besonders gut. Ich hatte Streit mit ein paar Kunden, eigentlich Stammkunden, die sich über die Produkte, besser gesagt, Konsumgüter, beschwert hatten. Der Alte saß an meinem Stammtisch. Ich konnte ihm nicht einfach sagen, er solle sich irgendwo anders hinsetzen. Ich setzte mich auf meinen Platz und fing an, die Zeitung zu lesen. Plötzlich hörte ich seine Stimme.
„Es ist nicht einfach“, sagte er. „Es ist nicht einfach“, sagte er noch mal. Ich guckte ihn fragend an. Er saß mit seinen ganz geöffneten Augen mir gegenüber und schaute mich an. Ich hatte das Gefühl, als wäre er sauer auf mich. Ich habe ihn ja nur angeguckt. Was kann ich dafür, wenn mein Blick kritisch ist. Er war alt. Wie alt? Es war schwer zu schätzen. Aber er war alt, mit vielen Falten im Gesicht. Mich hat sein Satz „es ist nicht einfach“ gestört.

Wenn ich Ruhe brauche oder etwas lesen möchte, gehe ich immer ins Café. Was denken Sie? Er fragte mich und lächelte ohne meinen Zorn gemerkt zu haben.
Warum? Weil Sie was denken?
Mir wurde klar, er hatte entweder eine Meise oder wollte vielleicht mit jemandem ins Gespräch kommen.

– Warum möchten Sie wissen, was ich denke?

Nur so. Wir sind hier doch zusammen, am selben Tisch, im selben Café, in derselben Stadt und vor allem erleben wir das gleiche.

Wieso das gleiche?

Wir haben doch die gleiche Umgebung oder nicht?

Eigentlich hatte ich keine Lust mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Ich wollte in aller Ruhe die Zeitung lesen und nach Hause gehen. Es war mein Stammcafé. Der Kellner kannte mich gut. Ich brauchte keinen Tee zu bestellen. Er wusste Bescheid. Nun hatte ich keine Lust mehr die Zeitung weiter zu lesen.

Wissen Sie, die Welt verändert sich rasch. Wir leben in Gefahr. Was wollen wir? Existieren – sonst nichts.

Er kam mir wie ein Rhetoriker vor, der Menschen mit seinen Worten zu sich ziehen kann. Will er mich wirklich beeindrucken, dieser dreckige alte Mann? .

Sie sind auch ein Opfer wie ich, sagte er leise.

Ich habe ihm nicht zuhören wollen. Aber er versuchte weiter mit mir zu sprechen.

Sehen Sie mal, ich will meine Ruhe haben und Zeitung lesen, sagte ich.

Er schien mich gar nicht gehört zu haben.

Ich weiß, die Welt ist ein Gefängnis und diese Stadt ist eine Zelle. Haben Sie mal gesehen, wie kaputt diese Stadt ist. Überall Trümmerhaufen. Die Busse sind kaputt und verschmutzen die Umwelt. Die Beamten sind korrupt und die Politiker sind Räuber. Dann die Scheinheiligen mit ihrem sogenannten Dschehad versuchen den Menschen ein ganz anderes Bild vom Islam vorzugaukeln.

Er redete wie ein Wasserfall.

– Warum denken Sie so negativ? fragte ich.

Er wollte mir Angst machen. Es war mir bekannt, wovon er erzählte. Aber ich hatte keine Lust darüber zu reden. Warum sollte ich darüber reden? Mir geht’s gut. Ich habe keine Probleme. Der Alte starrte mich dauernd an und wollte weiterreden.

Die Stadt ist schön, sagte ich.

Schön? Hässlich, potthässlich ist Ihre Stadt, erwiderte er. Diesmal war seine Stimme sehr laut.

Wieso meine Stadt? Das ist ja auch Ihre Stadt.

Ja, ja, deshalb sage ich, es gibt hier viel zu tun. Sagte er nun langsam.

Wie lange leben denn Sie hier? Auf meine Frage hin wurde er nachdenklich. Dann fing er an langsam zu erzählen.

Meine Familie kam 1948 nach Karachi. Ich war 16 damals. Eine sehr schöne Stadt war es mit dreihunderttausend Einwohnern. Eine am Meer liegende Stadt. Frische Luft und wenig Verkehr. Heute ist sie so groß geworden. 15 Millionen Menschen leben hier und die Infrastruktur ist immer noch ein großes Fragezeichen.

Während er erzählte, wurde mir allmählich das Dasein dieser Stadt bewusst. Ich habe nie die Stadt genau beobachtet. Mein Hauptinteresse war hier Geld verdienen und das Leben genießen, egal wie. Aber ich war nicht der Einzige, es gab auch viele andere mit ähnlichen Lebenseinstellungen. Warum wollte der Alte mit mir reden? Es gab ja auch andere Menschen im Café.

Wissen Sie wie viele Menschen in dieser Stadt unterm Existenzminimum leben? Er wollte mir weismachen, dass er Besserwisser war und die Welt besser sehe und wisse, wie die in der Welt existierenden Probleme aussähen. Ich lächelte. Ohne eine Miene zu verziehen fuhr er fort.

Mein Herr, Karachi ist die größte Stadt Pakistans. Die Politiker bezeichnen es als Mini-Pakistan. Einige von Ihnen behaupten, wenn Karachi lebt, lebt Pakistan. Und trotzdem wollen sie Karachi nicht entwickeln.

Hören Sie mal, Karachi hat alles, was eine moderne Stadt braucht, sagte ich. Ich merkte, meine Stimme wurde laut: Diese Stadt hat moderne Wohnviertel, schöne Wohnblocks, Supermärkte und vor allem viele Industrien. Es geht uns gut. Der Alte merkte meine Unsicherheit beim Sprechen. „Es geht uns nicht schlecht“. Ich sagte es sanft. Er schien von meiner Aussage nicht überzeugt zu sein. Ich wollte ihm eigentlich die helle Seite dieser Stadt darstellen. „Es ist schön hier. Die Menschen sind anders. Sie sind liberal, progressiv, aber einige sind auch konservativ“.

Plötzlich spürte ich Mitleid mit dem Alten. Ich wollte jetzt tatsächlich mit ihm reden, seine Meinung erfahren und seiner pessimistischen Darstellung dieser Stadt eine erfreulichere Dimension geben. Aber wie? Ich war noch beim Überlegen. Er fing wieder an zu meckern:

Für Sie gibt’s hier alles – aber nicht für alle. Die Stadt ist schön, sagten Sie. Die Stadt war schön. Heute haben wir viele Probleme. Die Bildung ist im Eimer und Armut herrscht überall. Was sagen Sie dazu?

Als er mir die Frage stellte, beobachtete er die Fliege, die um seine Tasse herumflog. Er guckte mir nicht in die Augen. In dem gleichen Augenblick hörten wir zwei Schüsse.

Die Anwesenden des Cafés sahen besorgt aus. Die Sirenen der Polizeiwagen brüllten beim Vorbeifahren. Der Alte lachte. In diesem Augenblick hasste ich ihn. Dieser dreckige Alte, schlecht bekleidet, beobachtete die leere Tasse, als hätte er keine Schüsse gehört. Die Anwesenden des Cafés fragten einander nach den Schüssen. Keiner konnte die Frage beantworten. Aber dann nach einer Weile war alles wieder normal, als wäre nichts passiert. Der Alte war noch da. „

Wissen Sie, Sie haben einen langen Weg zu gehen.
Warum sagen Sie mir das? Ich konnte ihn nicht richtig verstehen.

Ich glaube, Sie wissen nicht viel über die Stadt. Ja, hier kann man überleben. Man trifft hier Menschen aus aller Welt. Die Menschen sind freundlich trotz ihrer Armut. Diese Stadt duldet alle, ob reich oder arm. Die Religion spielt keine Rolle hier. Aber wer macht etwas für diese Stadt? Sie oder ich oder die Politiker? Keiner. Haben Sie mal den Sonnenuntergang am Meer betrachtet? Und die Schiffe auf dem Meer, die aus der Ferne kommen und dann wieder weiterfahren?Am Meer sieht man Karachi in seiner ganzen Pracht, und dann die Innenstadt mit ihren alten Häusern aus der Kolonialzeit. Viele Gebäude sind renovierungsbedürftig. Was macht die Regierung dafür?

Er redete weiter und ich wollte gehen. Ohne mich von ihm zu verabschieden, stand ich auf und ging zum Ausgang. An der Tür drehte ich mich um, um noch einmal auf den Alten einen Blick zu werfen. Er sah mich ebenfalls an… Ich konnte das wissende Lächeln auf seinem Gesicht nicht ertragen und verließ schnell das Café.

Shamim Manzar  lebt in Karachi (Pakistan) und arbeitet am dortigen Goethe-Institut als Deutschlehrer. Shamim hat diese Geschichte auf Deutsch geschrieben. Gewöhnlich schreibt er auf Urdu.

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Schneeland

Der Norden Japans hat nicht nur einen reichen Schatz an Geschichten, die Teil der Folkore sind, sondern hat auch immer die Literaten beschäftigt. Kawabata hat einen wunderbaren Roman geschrieben, „Yukiguni“ (Schneeland). Er liegt in deutscher Übersetzung von Oscar Benl vor. Dieser Roman wurde in den 60-iger Jahren des letzten Jahrhunderts verfilmt. Eine bittersüße Liebesgeschichte zwischen einem Tokioter und einer Onsen-Geisha, also einer Geisha, die in einem Badeort mit heißen Quellen arbeitet. Diese Geishas hatten nicht das Prestige einer Geisha aus den großen Städten.

Hier ein Ausschnitt aus dem Film. Auch wenn man die Dialoge nicht versteht, einfach die Bilder wirken lassen.

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Eine Geschichte aus dem Norden Japans

Die himmlische Ehefrau
Ein Holzfäler ruhte sich in den Bergen von seiner schweren Arbeit aus. Da sah er drei Engel vom Himmel herab fliegen. Sie zogen ihre himmlischen Kleider aus, hängten sie an einen Baum und nahmen in einem Teich ein Bad.

Der Holzfäller war ganz hingerissen und wünschte sich sehnlichst einen von ihnen als Ehefrau. Also nahm er eines der himmlischen Kleider und versteckte es.
Als die Engel nach dem Bade aus dem Teich kamen, nahmen zwei von ihnen ihre Kleider und flogen fort. Eine von ihnen aber blieb, ohne ihr himmlisches Kleid, verzweifelt zurück. Sie ging zu dem Holzfäller und fragte: „Weißt du wo mein himmlisches Kleid ist?“ „Keine Ahnung“, antwortete er.

„Ohne mein Kleid kann ich nicht zurück nach Hause in den Himmel. Was soll ich nur tun?“
„Wenn du nicht zurück kannst, bleibst du wohl besser bei mir.“, erwiderte er.
Er nahm sie also mit in sein Haus. Sie heirateten und bekamen zwei Kinder.
Eines Tages dachte sie: „Solange ich nicht noch ein Kind bekomme, kann ich jedes in einen Arm nehmen und zurück zum Himmel fliegen. Aber hätte ich drei Kinder, müsste ich eines zurück lassen. Wie auch immer, wenn ich zurückkehren will, muss ich es jetzt tun.“

Als der Holzfäller fortging, suchte sie im ganzen Haus ihr himmlisches Kleid, konnte es aber nirgends finden. Sie wurde sehr ungehalten. Aber da sah sie plötzlich nach oben und entdeckte einen Weidenkorb, der ganz oben unter der Decke hing. „Was mag das wohl sein?“, fragte sie sich neugierig und holte den Korb herunter. Wie freute sie sich, als sie darin ihr himmlisches Kleid entdeckte.
„Oh, wie glücklich bin ich nun!“, dachte sie, zog ihr himmlisches Kleid an, nahm jedes Kind auf einen Arm und flog zurück nach Hause in den Himmel.

Von mir übersetzt aus „Yukiguni no mukashigatari“ (Alte Geschichten aus dem Schneeland).
Diese Geschichte ist aus der Provinz Niigata überliefert. Ich denke sie ist nicht so sehr alt. Das Auftreten von Engeln lässt meiner Meinung nach auf einen Kontakt mit christlichen Vorstellungen schließen. Aber die pragmatische und durchaus humoristische Ausrichtung der Geschichte ist eben doch sehr japanisch.

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